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MAGAZIN

LUISES ERBE

© Sandra Wöhe (16.03.09)


Pausenbrot

Pausenbrot #26

Auf dem Rasen am Park packe ich den Rucksack aus. Irma kommt gleich. Sie ist in Eile. Ihr Kurs “Feministische Sprache für Fortgeschrittinnen” gönnt sich keine Zeit für die leibliche Wohlin. - Sandra Wöhes Duo Kolumna.



Sandra Wöhe

uf dem Rasen am Park packe ich den Rucksack aus. Irma kommt gleich. Sie ist in Eile. Ihr Kurs “Feministische Sprache für Fortgeschrittinnen” gönnt sich keine Zeit für die leibliche Wohlin. Zu viel Neues nach Luise F. Pusch, die der Beginn der “Binnen-i-s” war und die vermännlichte Formulierungen splittete, bis sie schließlich Verkäuferinnen und Verkäufer auf Kundinnen und Kunden in den Lädinnen und Läden warten ließ. Lang, lang ist es her.

“Hallo, meine Mette! Schön, du hast die Rucksäckin schon ausgepackt.” Irma hat den “Salzstreuerinnen”-Jargon eindeutig verinnerlicht. Auch mich ärgert die Frauenfeindlichkeit in der deutschen Sprache. Immer noch und immer wieder will man mich als mitgemeint gelten lassen.

“Sogar an die Salzdose hast du gedacht”, lobt Irma. “Gurke, Salami, Joghurtcreme, Oliven, Semmeln und Laugenstangen. Siehst du, Mette, es ist gar nicht so schwer, sich feministisch zu ernähren.”

So ein Käse, denke ich. Ich esse auch Emmentaler. Hüstel, Emmentalerin natürlich. Im Grunde ist mir egal, welcher Artikel ihn begleitet. Ihn? Ach ja, DEN Käse. Ich bin völlig aus der Übung.

“Hast du noch eine Serviette?” Irma tupft an ihrer Bluse herum. “Dieses blöde Joghurt. Nein, die Joghurt. Langsam sollte ich mir das wirklich merken. Der wie vielte Sprachkurs ist das jetzt? Halt, anders. Wie oft habe ich schon Sprachstunden genommen?”

Ich verstecke mein Grinsen hinter einer Wurstsemmelin. Immerhin muss also auch Irma aufpassen, wenn sie von Alpha bis Zeta feministisch reden will. Und ich? Ich komme mir albern vor, wenn ich nach einer Compute frage in der Computefachgeschäftin. Schon werde ich schräg angesehen, als hätte ich einen Sockenschuss. Wie aus der Pistole geschossen weiche ich dann aus. Der Computer, der Rechner, was denn sonst. Anstatt dass ich auf meiner Compute bestehe und mir ein anderes Geschäft suche, eines, wo die Verkäuferin oder der Verkäufer genau diese zu verkaufen bereit ist.

“Dabei brauchen wir eigentlich kein neues Deutsch, Mette. Unsere Sprache bietet alle Möglichkeiten. Wenn wir sie bewusst einsetzen. Statt 'jeder' kann ich 'alle' sagen. Und dieses blöde 'man' ist sowieso ein Verlegenheitswort für alle, die sich nicht trauen, 'ich' und 'wir' zu sagen.”

Ich weiß noch, wie Irma mir einmal erzählte, dass sie die Bezeichnung Personal Computer nicht akzeptiere. Mir war das egal, mein elektronischer Größenwahnsinn hieß sowieso “mannomann, Konrad”, denn er verlor schnell seinen Saft und zerschoss meine Dateien. Nach drei Jahren hatte ich genug. Meine Zuse hält immerhin schon sechs. Und wie ich diese Kiste liebe, mit ihrer treuen Seele!

“Du sagst ja gar nichts”, bemerkt Irma. “Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?”

Ich schlucke. Wie bringe ich meiner Busenfreundin nur bei, dass der sprachliche Gruppendruck wie eine Lok unter Volldampf pfeifen muss? Sonst bleibe ich kaum bei der Stangin. Allein werde ich zu schnell schwach. Spätestens dann, wenn ich mir Rechenmaschinen anschaue und der Verkäufer aufgescheucht naht, weil er um seine Hightech-Computer fürchtet.

Zum Nachlesen: Pausenbrot #1-25

Sandra Wöhe, Foto: Sabine M. Mairiedl
ZUR AUTORIN:

Sandra Wöhe
als Tochter einer Indonesierin und eines Holländers 1959 in den Niederlanden geboren, ist diplomierte Krankenschwester und ausgebildete Publizistin. In Zürich lebt sie nach freiberuflicher Tätigkeit als Journalistin und Redakteurin seit 1999 als selbstständige Autorin.

Romane:
Lass mich deine Pizza sein (Ulrike Helmer Verlag, 2003)
Giraffe im Nadelöhr (Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, 2006)

www.sandrawoehe.ch


FOTO: Sabine M. Mairiedl



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*Luises Erbe


Sandra Wöhe
20.03.09 10:31

Pausenbrot #26

Auf dem Rasen am Park packe ich den Rucksack aus. Irma kommt gleich. Sie ist in Eile. Ihr Kurs “Feministische Sprache für Fortgeschrittinnen” gönnt sich keine Zeit für die leibliche Wohlin. - Sandra Wöhes Duo Kolumna.

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*Re: Luises Erbe


Gästin
20.03.09 10:44

Lieber Herr Wöhe,

Ihrem wie immer brillianten Aufsatz entnehme ich, dass Sie es für überflüssig halten, Dinge als das zu benennen was sie sind. DAS Salzstreuer ist weder Mann noch Frau, wie jedem klar ersichtlich ist. Es ist auch kein Zwitter, wie zum Beispiel der Regenwurm, der übrigens kein -in braucht um zu die Regenwurm zu werden. Vielleicht hätten Sie die Ausführungen von Frau Pusch doch etwas ... gründlicher? ... lesen sollen. Es betrübt mich zutiefst, dass Sie bzw. Ihr Freund sich vergeblich darum bemühen, den Sinn der Mutter Srache zu ergründen, und schlage deshalb vor, dass Sie weitere Sprachkurse in Zukunft meiden: es ist ja doch nur verlorene Zeit. Ich für meinen Teil bin noch nie auf die Idee gekommen, dass gewöhnliche Haushaltsgegenstände gemeint sein könnten, wenn Frauen darauf bestehen, als Frauen angesprochen zu werden. Die Frau, ein Haushaltsgegenstand? Dann hätten Sie, lieber Herr Wöhe, natürlich vollkommen recht: das geht zu weit, die Salzstreuerin als Salzstreuerin zu bezeichnen! Wo soll das enden? Am Ende werden noch Väter als Mütter bezeichnet, und die Welt gerät aus den Fugen!
Es grüßt herzlichst
Eine Undine


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