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Feministische Gedanken zum Prozeß gegen Josef Fritzl© Zora Roth (26.04.09)
Vorsicht, dieser Mann ist kein Einzelfall!
Am 19. März 2009 wurde Josef Fritzl zu lebenslanger Haft und Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher verurteilt. Doch Fritzl ist kein Einzelfall! Er ist nur die Spitze eines Eisbergs - und dieser Berg - dieser Sexismus ist Alltag und ein Fundament unserer Gesellschaft.
Redebeitrag zum 8.3.2009 - Internationaler Frauenkampftag, FrauenLesbenDemo, Wien
m 16. März 2009 beginnt der Prozess gegen Josef Fritzl in St. Pölten. Im April letzten Jahres wurde bekannt, dass er über 20 Jahre lang die Tochter in einem selbstgebauten Kellergefängnis einsperrte und sexuell ausbeutete. Öffentlich wurde dies durch den Überlebenskampf und den Mut und die Stärke der Tochter Elisabeth F.
Wir nennen diese Gefangenschaft und Folter sexistische Sklaverei. Dies ist die Spitze eines Eisbergs - und dieser Berg - dieser Sexismus ist Alltag und ein Fundament unserer Gesellschaft. Die Alltäglichkeit des Sexismus beinhaltet männliche Autorität und Bevormundung, männliche Verfügungsgewalt über Frauen und Kinder und das patriarchale Selbstverständnis “Herr” im eigenen Haus oder im eigenen Land zu sein, Frauen und Mädchen sexuell zu benützen, einzusperren, zu schlagen, Lust an Dominanz und Unterwerfung zu entwickeln, zu vergewaltigen, alltäglich zu foltern - ob in alltäglichen Beziehungen, als sogenannte Freier oder als Soldat.
Medien
Die Medien griffen “den Fall” auf und machten in ihrer Berichterstattung den Täter zum Monster. Diese Darstellung von Tätern hat den Zweck gesellschaftliche Zusammenhänge und Strukturen zu verschleiern, die Gewalt gegen Frauen bedingen. Es ging um Sensationen, nicht um Auseinandersetzung mit Sexismus als gesellschaftliches Machtverhältnis. Sie sprachen von “Inzest” und von “gezeugten Kindern”, keine Sprache für Zwangsmutterschaft und Schwangerschaften durch Vergewaltigung, keine Worte über sexuelle Ausbeutung und Sklaverei.
Politiker
Einzelne Politiker und Medien reagierten auf die internationale Berichterstattungen in der Presse und im Fernsehen und meinten nur “wir lassen uns Österreich nicht beschmutzen”, kein Wort der Solidarität mit den Gefangenen, keine Stimme gegen Sexismus.
Stammtischgespräche
In den Stammtischgesprächen waren sich plötzlich alle einig - “Der gehört am Schwanz aufgehängt”; Mann versicherte sich, kein Monster zu sein und zu den Guten zu gehören. Aber wo bleibt die Empörung über das sexistische Plakat an der Ecke oder am Arbeitsplatz? Wo wird eingegriffen wenn der Kollege oder Kumpel über die Frauen als “Hasen” spricht - die Mann gerne jagt? Wo bleibt die Solidarität, wenn sich Frauen gegen sexistische Gewalt verteidigen?
Wir
Viele von uns traf die Alltäglichkeit sexistischer Versklavung tief in unsere Herzen. Die Dämonisierung in den Medien macht uns wütend und viele auch stumm, denn wir wissen: “Der Vergewaltiger ist nicht krank, sondern ein gesunder Sohn des Patriarchats”, wie es auf einem Transparent von italienischen Feministinnen zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen stand.
Ich hätte mir gewünscht, dass sich Feministinnen zusammentun, dass wir Aktionen setzen, in der Nachbarschaft diskutieren, auf die Straße gehen, die Zusammenhänge sichtbar machen. Wir sollten es immer noch tun. Sexismus hat viele Gesichter und trifft uns in allen Lebensbereichen. Feministischer Widerstand im Alltag ist vielfältig. Es heisst zum Beispiel:
- Einschreiten, wenn die Bekannte vom Lebensgefährten geschlagen wird
- Den Mund aufmachen gegen sexistische Witze
- Sich zusammentun, wenn die Arbeitskollegin weniger bezahlt bekommt als ihre männlichen Kollegen
- Sich aufregen, wenn der Studienkollege oder Mitschüler sich einen Porno am Computer runterlädt
- Solidarität zeigen und gemeinsam dagegen kämpfen, wenn die Nachbarin als Migrantin kein selbstverständliches und eigenständiges Aufenthaltsrecht bekommt
- Sexistische Plakate zerstören
- Vergewaltiger verjagen
- u.a.m
Sexismus hat viele Gesichter - feministischer Widerstand auch. Wir schicken Elisabeth F. unsere solidarischen Grüße, Kraft, Zorn und Zärtlichkeit zum Weiterleben. Wir werden den Prozess beobachten und Aktionen setzen. Doch wir wissen - Gerechtigkeit finden wir nicht in den Gerichten, sondern im Kampf gegen Sexismus, in unserer Solidarität und in der Vision das Patriarchat abzuschaffen und Sexismus und Ausbeutung von Frauen und Mädchen zu beenden.
P.S.
Gedanken nach dem Prozess
Es ist erfreulich, dass der Anklagepunkt “Sklaverei” zur Sprache kam. Josef Fritzl wurde verurteilt! Doch Fritzl ist kein Einzelfall! Sexismus existiert weiter, als Alltag und mit den “Spitzen des Eisbergs”, wie zum Beispiel die Mädchen- und Frauenmorde in Winnenden/Deutschland, wo ein 17-Jähriger am 11. März 2009 gezielt mit Kopfschüssen 8 Mädchen, 3 Lehrerinnen und einen Jungen mit deutsch-kosovarischer Herkunft hinrichtete, gezielt 7 weitere Mädchen anschoss und auf der Flucht 3 Menschen wahllos tötete; wie unter anderem der bewusste Frauenmord, wo der 17-Jährige am 22. März 2009 in Wien die 19-jährige Betty X erstach, weil und nachdem sie sich von ihm trennte,... und viele andere mehr.
Wir sind alle aufgefordert nachzudenken, einzuschreiten, aufzustehen - um Sexismus zu beenden und das Patriarchat abzuschaffen, um die Folter und Morde an Frauen und Mädchen zu verhindern!
“Wandeln wir unsere Angst in Zorn, unseren Zorn in Stärke, unsere Stärke in Widerstand.” (Aufruf auf einem Plakat zur 8. März-Frauen-Demo in Rom 2007)
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