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MAGAZIN

ANKE BERNAU: MYTHOS JUNGFRAU

© Ruth Devime (22.05.09)


Körper

Die Kulturgeschichte weiblicher Unschuld

Ein aufschlussreiches Buch über ein altes Thema, neue Mechanismen der Frauenunterdrückung und der Vermarktung von Frauenkörpern. Gelesen von Ruth Devime.



Anke Bernau: Mythos Jungfrau

ungfrau! Ein sehr altmodisches Thema und doch ist es nicht aus der Welt zu schaffen. Im Gegenteil. In Berichten über christliche Jugendliche, die wieder “unberührt” in die Ehe gehen wollen, in Nachrichten über die Morde an ihren Töchtern und Schwestern, “die ihre Ehre verloren haben”, in den Werbeprospekten der Schönheitschirurgie, die “Revirginisierung”, die (Wieder-) Herstellung des Hymen, mit Hilfe der plastischen Chirurgie anpreisen und in modernen Filmen, wie “Kids” und “The Virgin Suicides”, in denen der Mythos Jungfrau vor einem popkulturellen Hintergrund neu aufbereitet wird, feiert dieser frauenfeindliche Begriff fröhliche Urständ!

Anke Bernau, eine Fachfrau für mittelalterliche Literatur, begibt sich in ihrem Band “Mythos Jungfrau” auf eine bemerkenswerte Spurensuche durch die Kirchen-, Medizin- und Literaturgeschichte vieler Jahrhunderte. Sie beschreibt wie sich Status und Bedeutung der “Jungfräulichkeit” im Lauf der Zeit stark gewandelt haben und in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich gesehen werden.

Besondere Aufmerksamkeit schenkt Anke Bernau literarischen Texten in denen eine Vielzahl von Jungfräulichkeitsmythen heraufbeschworen werden, von lächerlich über erstrebenswert bis heroisch oder schlichtweg abstrus. Erhellend sind die (dürftigen) medizinischen Erklärungen und wie diejenigen auch jetzt angewandt werden, um Normierungen am Frauenkörper und in der Sexualität der Frauen vorzunehmen beziehungsweise als harmlos darzustellen. Auffällig ist auch an den Schriften vieler ÄrztInnen und Hebammen, wie wenig Begeisterung sie im Gegensatz zu den Theologen für das Thema “Jungfrau” aufbringen. Die Theologen kommen mit ihrer immer wieder haarsträubenden Frauenfeindlichkeit zu gut weg und viele Feministinnen - vor allem die Philosophin Mary Daly - die zur Mythe der Jungfräulichkeit etwas zu sagen hatten, fehlen. Trotzdem ist in allen Beschreibungen der Wandel der Begriffe von Weiblichkeit und Männlichkeit sichtbar und erklärt so manche Zusammenhänge. Ein besorgniserregendes Beispiel für die Aktualität der Jungfräulichkeitsmythen ist das Phänomen der “freiwilligen” plastischen Chirurgie im Genitalbereich der Frau.

Anke Bernau schlüsselt auf wo mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Botschaft an die westliche Frau, die sich für Hymenplastik entscheidet, lautet, es sei ihre persönliche Wahl und sie bestimme über ihren Körper. Jungfräulichkeit wird hier zu einer Form der Selbstbestimmung: Ein Zeichen dafür, dass frau weiß, was sie will und es sich auch nimmt. Tut eine muslimische Frau dasselbe wird sie als rückständig und unterdrückt wahrgenommen, obwohl viele dieser Frauen genauso “freiwillig” und “selbstbestimmt” und oft auch “selbstbezahlt” ihre Vagina neu “gestalten” lassen.

Es fehlt eine Darstellung des Jungfrau-Diskurses in den Geschlechterinszenierungen verschiedener translesbischwuler Szenen. Zahlreiches Bildmaterial - die Jungfrau und das Einhorn, die Amazonen, Jeanne d'Arc, Ursula mit ihren 11000 Jungfrauen - von verschiedenen Darstellungen so genannter Jungfrauen quer durch die westliche Kulturgeschichte, Literaturhinweise und Linktipps ergänzen diesen Band.

Die Jungfräulichkeit als pornographische Handelsware
Das Titelbild ist sexistisch und auf die Frage an den Verlag “Was haben sie sich dabei gedacht?” gab es die Antwort: “sex sells”! Sexistische Gewalt sollte sich aber nicht verkaufen! In diesem Sinne, kaufen sie dieses Buch nicht und schreiben sie an den Verlag, dass sie es mit einem anderen - sexismusfreien - Titelblatt kaufen würden.

Anmerkung zum Titelbild
Es ist ein Detail eines Mädchenkörpers abgebildet und auch wenn es der Körper einer erwachsenen Frau ist, wurde das Bild so dargestellt, als wenn es ein Mädchen wäre. Sexistische Werbung für Dokumentationen von Kinderfolter (ehemals Kinderpornographie) ist völlig untragbar!

Anke Bernau: Mythos Jungfrau
Anke Bernau
Mythos Jungfrau

Die Kulturgeschichte weiblicher Unschuld

Parthas Verlag, 2007
200 Seiten, broschiert
€D 19,80 / €A 20,40 / sFr 36,20
ISBN: 978-3-86601-062-8

Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)



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