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MAGAZIN

THE WORK OF LOVE

© Mieke Hartmann (08.07.09)


Politik & Gesellschaft

“Unpaid Housework, Poverty and Sexual Violence at the Dawn of the 21st Century”

In klarer, deutlicher Sprache stellt dieses Buch dar, wie der Staat als willfähriger Vollstrecker des Kapitalismus die Ausbeutung von Frauen mittels der Ehe sanktioniert, und wie die allgegenwärtige Gewalt von Männern an Frauen notwendiger Bestandteil dieser Ausbeutung ist.



Giovanna Franca Dalla Costa: The Work of Love“The idealization of the woman's personality and of feminine “virtues” really begins the moment in which these virtues must conceal unpaid labor, and it is no accident that the highest of these virtues is in fact the sense of maternity and of love, intendend as the capacity for total sacrifice.”
(Giovanna Franca Dalla Costa)

arum dieser Titel: “The Work of Love” - “der Liebesdienst”? Das Buch beginnt mit einem Vergleich der Situation des Arbeiters, des Sklaven und der Frau: Der Arbeiter verkauft seine Arbeitskraft zeitweise gegen Gehalt an unterschiedliche Fabrikbesitzer während der Sklave gar nichts verkaufen kann sondern selbst zusammen mit seiner Arbeitskraft verkauft wird. Die Frau verkauft - bei Eheschliessung - wie der Arbeiter ihre Arbeitskraft, jedoch nicht temporär, sondern zeitlich unbegrenzt an einen einzigen Mann, und nur gegen Kost und Logis. Der Kapitalismus profitiert somit von diesen Verhältnissen, da die Frau ihren Ehemann, also den Arbeiter, unentgeltlich reproduziert. Um diese ungerechte Ungleichbehandlung fortsetzen zu können, muss sie ideologisch verbrämt werden: man redet der Frau ein, es sei Liebe. Wenn aber die Frau an diesem Glauben zu zweifeln beginnt und den “Liebespakt” mit ihrem Ehemann zu brechen droht, ist das einzige Mittel sie zu disziplinieren körperliche Gewalt, denn der Mann kann ihr weder das Gehalt kürzen - denn sie bekommt ja keines - noch sie entlassen - denn wer macht dann die Hausarbeit, zu der übrigens natürlich auch die sexuelle Befriedigung des Mannes gehört.

Die heterosexuelle Zweierbeziehung und die nukleare Kleinfamilie, in der die Frau gewaltsam ausgebeutet wird, sind die notwendige Voraussetzung für den Fortbestand des Kapitalismus.

“Kapitalismus”, “Arbeiter”, Vergleich der Situation der Frau mit der des Sklaven - wem diese Begriffe und theoretischen Ansätze nicht gerade vom neuesten Stand der Forschung oder gar überholt vorkommen hat in gewisser Hinsicht recht: der Text wurde zum ersten Mal 1978 auf italienisch veröffentlicht und gilt als klassisches “Manifest” der radikalen italienischen Frauenbewegung. Eine japanische Übersetzung folgte 1993, und jetzt wurde der Text 2008 von Autonomedia auf Englisch veröffentlicht. Die Frage stellt sich: warum jetzt? Was kann aktuell sein an solch einem Text aus den 70ern?

Mein erster spontaner Gedanke, als ich von dieser neuen Übersetzung hörte, war: das brauch' ich nicht. Ich lebe zwar mit einem Mann zusammen, und wir sind sogar verheiratet, aber das sind wir nur aus aufenthaltsrechtlichen Gründen, die Ehe als solche bedeutet uns nichts. Zudem, da ich eine Vollzeit- und er eine Halbzeitstelle hat bei der er größtenteils von zu Hause aus arbeiten kann, macht er eigentlich die ganze Haushaltsarbeit. Die meisten Leute, die ich kenne, leben unverheiratet zusammen, oder sind single, oder leben in homosexuellen Beziehungen, oder wollen sich auf gar nichts in der Richtung festlegen lassen. Manche verdienen mehr, manche weniger, und nicht wenige leben von Sozialhilfe oder der Erbschaft ihrer verstorbenen Eltern - Männer wie Frauen. Kurz: die Verhältnisse heutzutage sind anscheinend völlig anders als in dem Buch beschrieben, welches dadurch erstmal veraltet und hinfällig zu sein scheint.

Bei näherer Betrachtung stellt sich allerdings heraus, dass die Dinge nicht so einfach liegen. Noch immer ist der Fortbestand des Kapitalismus unter anderem darauf begründet, dass Hausarbeit und die Pflege von Kindern, Kranken und Alten unter ausbeuterischen Verhältnissen ausgeführt wird. Natürlich sind dabei Frauen die Leidtragenden: Es sind zum großen Teil Migrantinnen aus der sogenannten Dritten Welt und der ehemaligen Sowjetunion, die in Westeuropa diese Arbeiten für minimalen Lohn und größtenteils ohne jeglichen rechtlichen Schutz verrichten. Besonders ausgeliefert sind Frauen ohne legalen Aufenthaltsstatus. In die Illegalität gedrängt, haben sie keinerlei Zugang zu öffentlichen Diensten wie Krankenkassen, Sozial-, Wohnungs- und Jugendämtern oder dergleichen. Sie haben kaum Mittel sich gegen männliche Gewalt zur Wehr zu setzen, die oft von ihren Arbeitgebern ausgeht, denn wenn sie sich an die Polizei wenden, werden sie sogleich abgeschoben und somit ihres Einkommens beraubt. Oft sind diese Frauen in noch schlimmerer Lage, als die in dem Buch beschriebenen italienischen Arbeiter-Ehefrauen.

Wer glaubt, dass diese Verhältnisse nur am Rand unserer Gesellschaft auftreten und sich im “trickle-down” Effekt bei gutem Wirtschaftswachstum in baldiger froher Zukunft erledigt haben werden, sollte genauer hinsehen. Auch in den mittleren und höheren Klassen westlicher Industrienationen sind es immer noch hauptsächlich Frauen, die für den Haushalt und die Verpflegung der Familie zuständig sind. Wann immer das System in Gefahr zu kommen droht, etwa bei steigenden Arbeitslosenzahlen oder wenn frustrierte Jugendliche gewalttätig werden, ist von Politikern die Aufforderung zu hören, arbeitende Frauen - insbesondere verheiratete Mütter - sollten sich doch wieder ihrer familiären Pflichten bewusst werden und “an den Herd zurück” kehren. Was sie dort erwartet, wird sehr deutlich in dem Buch beschrieben.

“The Work of Love” hat allerdings einige Schwächen. Frauen werden in weiten Teilen des Buches als zwar heroische aber dennoch passive Opfer dargestellt: So wird in dem Abschnitt über sexuelle Gewalt in der Familie als einzige Konstellation die Gewalt von Familienvätern an ihren Ehefrauen und Töchtern, und von Söhnen an ihren Müttern beschrieben. Auch die am Anfang des Buches aufgestellte Prämisse, dass es nur 2 Klassen gäbe - die der reichen besitzenden Kapitalisten und der ganze Rest, die Arbeiterklasse - kann heute nicht so einfach gesehen werden. Und schließlich wird Rassismus, ein zentraler und globaler Aspekt aller Diskriminierungsmechanismen, völlig ausser Acht gelassen. Das Buch verschweigt somit, dass auch arbeitende Frauen andere Frauen ausbeuten, dass auch Mütter Gewalt an ihren Kindern ausüben, und dass die Hautfarbe, beziehungsweise das Herkunftsland einer Frau ihren sozio-ökonomischen Status bestimmt.

Dennoch habe ich “The Work of Love” mit Freude gelesen. Die klare, analytische Sprache und der kämpferische Stil der Autorin, die sich nicht scheut drastische Zustände zu benennen, ist sehr erfrischend. Viel zu oft ärgere ich mich über verschwurbelte Texte voller überheblicher Ironie, die vor allem die Bemühungen der Schreiberin oder des Schreibers verdeutlichen, nirgendwo anzuecken aber trotzdem schlau zu erscheinen.

Inspirierend ist auch das letzte Kapitel des Buches, welches die verschiedenen Widerstandsformen von Frauen gegen Gewalt beschreibt, zu denen auch die lesbische Bewegung und die gewerkschaftliche Organisation von Prostituierten gezählt werden. Bedingung für Erfolg war dabei immer, dass sich die Frauen in ihren Aktionen direkt und ausdrücklich gegen männliche Gewalt gewandt haben. Ein Vorwort von der Übersetzerin, Enda Brophy, setzt den Text in seinen zeitlichen und kulturellen Kontext, und eine ausführliche Einleitung von Maria Rosa Dalla Costa spannt den Bogen in die heutige Zeit. Beide sind hilfreich, und die Einleitung beinhaltet einige anregende Gedanken - ich empfehle allerdings, diese eher als Nachwort zu lesen, da sie ohne Kenntnis des Haupttextes etwas verwirrend ist.

Ich konnte nach der Lektüre von “The Work of Love” jedenfalls sehr deutlich sehen, wie kostenlose Reproduktion immer noch gewaltsam durchgesetzt wird, und warum allen Bemühungen dies zu ändern, meistens mit Gewalt begegnet wird. Es hat mir auch noch einmal klar gemacht, wieviel wir den Frauen des sogenannten “second wave” Feminismus der 70er Jahre zu verdanken haben - nicht so sehr all die sozialen Verbesserungen und die Rechte, die sie erkämpft haben und die jetzt aber ja doch nur für einige Privilegierte unter uns gelten, sondern vor allem auch das Wissen, dass wenn Frauen sich wirklich solidarisch zusammenschließen, wir den Lauf der Dinge ändern können.

Giovanna Franca Dalla Costa: The Work of Love
Giovanna Franca Dalla Costa
The Work of Love

Unpaid Housework, Poverty and Sexual Violence at the Dawn of the 21st Century

With a new Introduction by Mariarosa Dalla Costa. Translated from the Italian by Enda Brophy.

Autonomedia, Brooklyn, NY, USA 2008
122 pages, price $13.95 (+ shipping)
ISBN 978-1-57027-132-8

www.autonomedia.org


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