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GESCHENKE VOM PLEITEGEIER© Sandra Wöhe (15.03.10)
Sandra Wöhes Duo Kolumna
Museum? Kunsthaus? Sonderschau? Und den fetten Katalog kaufen? Irma kommt immer mit so etwas, wenn über mir der Pleitegeier kreist. Jetzt ein Gewehr, zielen und - paff. Nein, nicht Irma, der Geier. - Pausenbrot #32
useum? Kunsthaus? Sonderschau? Und den fetten Katalog kaufen? Irma kommt immer mit so etwas, wenn über mir der Pleitegeier kreist. Jetzt ein Gewehr, zielen und - paff. Nein, nicht Irma, der Geier. Vogel tot, Pleite abgesagt. Schön wär's. “Mette, kommst du nun?”, fragt meine Busenfreundin und zieht ihre Stiefel an. “Ich kann nicht. Wirklich. Ich muss Geschenke kaufen.”
Irma schaut, als sei ich der Weihnachtshexe aus der Tasche gefallen. “Du willst doch wohl nicht jetzt, im Januar, fürs Christfest einkaufen? Lag etwa eine Knalltüte auf deinem Gabentisch?”
“Natürlich nicht! Die Geburtstage sind dran. Familie. Freundinnen. Und Exen”, stöhne ich. Irma lacht. “Ich mag Schenken”, sagt sie. “Ich komme mit. Wir suchen was unverschämt Teures, etwas, das denen nicht einmal gefällt. Und dafür schämen sie sich. Weil es so teuer war.” Sie grinst und reibt sich die Hände.
Wäre es nur so einfach! Erstens, kein Geld. Zweitens, meine xte Ex will immer noch die Espressomaschine. Die hatte ich ihr zum Fest versprochen. Vor sechs Jahren.
“Das Phänomen des Gabentransfers ist ein unfassbares Mysterium”, sagt Irma. “Neandertaler oder Schimpanse, ob mit Keule oder Beere, nur wer schenken kann, pflanzt sich fort. Sagt doch schon Simone de Beauvoir, der sexuelle Erfolg ist nicht allein eine Sache der Technik.”
Na bravo. Technik erst, wenn es soweit ist. Und bis dahin braucht es anderes. Geschenke nämlich.
Irma hebt den Dozierfinger. “Mit Geschenken lässt sich wunderbar manipulieren. Familiäre und freundschaftliche Bindungen festigen. Treue verschleiern oder schwören. Früher dienten Geschenke, Allianzen zu besiegeln oder Richter zu bestechen. Denk nur an die homerischen Gesänge. Oder an Zingreff!” Was will sie nur mit diesem Mittelalter-Knilch?, frage ich mich und schon zitiert sie: “Es ist kein thür so hart, die nicht durch geschencke kündte geöffnet werden.” Sie streift ihren Mantel über. “Komm schon.”
“Irma!”, bocke ich, “du bestichst? Mich? Schenkst, damit ich dich gern habe? Ich will um meinetwillen geliebt werden, nicht wegen meiner Geschenke!” Ich kicke meinen Schuh in die nächste Ecke.
“Ach Mette, Schenken ist wie Roulette. Am Ende gewinnt die Bank. Du setzt fleißig auf Rot. Und dann stimmt die Farbe nicht. Oder das Geschenk ist sonst irgendwie daneben. Wie mein Toaster.” Im Küchenschrank verstecken sich drei davon.
Lieber ein paar Toaster zu viel als eine Uhr oder einen Regenschirm zum Geschenk. Das wird in China als Drohung verstanden. Ein Knirps als Todesbote. Hat mir die Friseurin erzählt. Eigentlich ist nur Geld das einzig Wahre. Am besten viel davon, auf der Bank, tief unten im Tresor. Aber selbst Dagobert Duck kann sich Aufmerksamkeit, Zuneigung oder Liebe nicht kaufen. Keiner kann das. Ich auch nicht. Und weil das so ist, gibt es dieses Jahr einfach Brot. Für alle. Wo steckt der Backautomat? Auch so ein Geschenk.
“Komm, Irma, lass uns Tee machen und fernsehen. A bin ich pleite, B kann die Espressomaschine warten. Und C habe ich schon alle Geschenke.” Irma lächelt und zieht etwas aus der Manteltasche. Ein Geschenk? Für mich?
Zum Nachlesen: Pausenbrot #1-31
ZUR AUTORIN:
Sandra Wöhe als Tochter einer Indonesierin und eines Holländers 1959 in den Niederlanden geboren, ist diplomierte Krankenschwester und ausgebildete Publizistin. In Zürich lebt sie nach freiberuflicher Tätigkeit als Journalistin und Redakteurin seit 1999 als selbstständige Autorin.
Romane: Giraffe im Nadelöhr (Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, 2006) Lass mich deine Pizza sein (Ulrike Helmer Verlag, 2003)
www.sandrawoehe.ch
Foto: © Ida Schmieder
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