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BIRGIT SEYR: MIT PFLANZEN VERHüTEN© Irmgard Neubauer (18.05.10)
Über die Wiederentdeckung einer alten Tradition der selbstbestimmten Geburtenregelung
Zu allen Zeiten und in allen Kulturen verwendeten Frauen Pflanzen zur Geburtenregelung: als Verhütungsmittel und/oder als Abortiva. Sie vertrauten dabei auf die Rezepte ihrer Mütter, Großmütter, Schwestern und Freundinnen. Und das erfolgreich!
och warum wissen wir heutige Frauen (fast) nichts mehr darüber, kennen die entsprechenden Pflanzen nicht mehr, keine Rezepturen, Dosierungen und Anwendungsmöglichkeiten?
Autorin Birgit Seyr geht dieser (und anderen Fragen) nach - gründlich und sorgfältig hat sie recherchiert und nimmt uns dabei mit auf eine spannende Reise durch Raum und Zeit: Erfahrungsberichte von Frauen aus Nordamerika, ayurvedische Rezepte aus Indien; traditionelle und auch gegenwärtig verwendete Zubereitungen empfängnisverhütender und abortiv wirkender Kräuter; ethnologische Schriften, klinische Studien; schriftliche und mündlich überlieferte Rezepturen über die Mischung, Dosierung und Anwendung entsprechender Kräuter aus aller Frauen Länder & Regionen wie zum Beispiel Bangladesh, Kanada, Singapur, Zentralafrika, Paraguay, Sri Lanka, Europa, Südamerika, etc.!
Bevor die Reise zu den Rezepten der Frauen weltweit beginnt, sind noch einige Begriffe zu klären: Verhütungsmittel, wie sie heutzutage definiert werden, können zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Zyklus angewandt werden: Manche Pflanzen verhindern den Eisprung, andere verhindern eine Befruchtung des Eies, und wieder andere unterbinden eine Einnistung des Eies in der Gebärmutter. Pflanzen, die ein bereits befruchtetes und eingenistetes Ei abstoßen, gelten hierzulande als Abortiva und sind verboten. Darüber später mehr...
Birgit Seyr gibt einen Überblick über mögliche Methoden der Empfängnisverhütung mit Pflanzen:
Äußerliche Anwendungen
- Lokale Anwendung: Extrakte von spermizid wirkenden Pflanzen werden vor dem Geschlechtsverkehr direkt in die Vagina eingebracht und/oder auf den Penis gerieben und verhindern somit eine Befruchtung.
- Massagen, Räucherungen, Einläufe, Sitzbäder u.ä.
Innerliche Anwendungen (orale Einnahme) Hier wird unterschieden zwischen:
- Pflanzen, die regelmäßig eingenommen werden
- Pflanzen, die zu Beginn des Zyklus eingenommen werden
- Pflanzen, die nach Bedarf (wenn ein Geschlechtsverkehr stattgefunden hat) eingenommen werden
- Pflanzen, die am Ende des Zyklus eingenommen werden
Vor allem der letzte Punkt hat es in sich - was so harmlos klingt, ist in der Tat ein bis heute brisantes politisches Thema!
Entgegen der weithin vermittelten Ansicht, dass Kinderkriegen das Wichtigste im Leben von Frauen war (vor allem in historischen Portraits über Frauen - Stichworte wie “Thronfolger/Stammhalter gebären” fallen mir da ein), war und ist Geburtenkontrolle für Frauen immer viel wichtiger, als ungebremst möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen. Gebären war ja auch immer risikoreich - zu allen Zeiten starben Frau und Kind bei Geburten.
Die Steuerung der Geburten war (und ist) absolut notwendig, die meisten Frauen woll(t)en nicht Jahr um Jahr gebären, sondern nur so viele Kinder bekommen, wie sie selbst wollten und auch gut versorgen können. Dass das im Widerspruch zur Meinung der christlichen Kirche steht, ist uns wohlbekannt: “Ob sie sich aber auch müde und zuletzt todt tragen, das schadet nichts, lass' sie nur todt tragen, sie sind darumb da!” schrieb der bis heute als “Rebell” gefeierte Martin Luther (1483-1546) und die katholische Kirche ist ja bis dato strikt gegen Verhütung, Abtreibung und das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Militante Abtreibunsgegner (leider auch -Innen) und Maskulinisten (ebenfalls leider auch -Innen) machen mobil gegen uns Frauen und die Väterrechtler marschieren auf.
Wie Seyr richtig schreibt, gibt es unzählige Überlieferungen über Pflanzen, die am Ende des Zyklus, also ein paar Tage vor dem erwarteten Beginn der nächsten Menstruation, dazu verwendet wurden, um den Beginn des neuen Zyklus einzuleiten. Die Verwendung dieser Pflanzen war eine übliche Methode, bei der zwischen Verhütungs- und Abtreibungsmittel nicht unterschieden wurde. Nach heutigem, europäischen Recht gelten solche Pflanzen jedoch eindeutig als Abortiva und ihr Gebrauch ist streng verboten. Nicht einmal Schreiben und Reden darf frau darüber - weswegen die entsprechenden Seiten Birgit Seyr in ihrem Buch leer gelassen und mit dem Hinweis “Diese Seiten sind daher leider zensiert” versehen hat.
Hier nun ein kleiner herstorischer Exkurs von mir, der die Bedeutung und Brisanz der als Periode- und Abtreibungmittel verwendeten Pflanzen von der Antike bis heute erklären soll:
In der Antike waren sogenannte Periodemittel (ein Kraut, das die Monatsblutung auslöst) äußerst verbreitet. Der griechische Arzt Dioscorides (um 50 n.u.Z.) gibt insgesamt 117(!) Pflanzen als Periodemittel an, vergleichsweise aber nur 17 Arten, die zur Verhütung benutzt wurden. Auch interessant: er gibt weiters 17 Kräuter an, die Unfruchtbarkeit verursachen (Efeu, Seidelbast, Rittersporn u.a.), aber im Gegensatz dazu nur drei Pflanzen, die “die Gebärmutter der Empfängnis fähig” macht. In der Antike wurde insbesondere Beifuß und Wermut als Periodemittel benutzt. Dioscorides schrieb über den Rosmarin: “treibt die Monzeit der Frawen”.
Der Begriff der Abtreibung war in der Antike als solches nicht bekannt. Das ungeborene Kind galt als ein Teil der Eingeweide der Mutter - deswegen galten Abtreibungen auch nicht als verwerflich.
Im Mittelalter galt ein Periodemittel - auch bei verspäteter Menstruation - nicht als Abtreibungsmittel. Wenn eine Frau also eine bestimmte Pflanze erfolgreich gegen eine verspätete Menstruation einsetzte, konnte niemand feststellen, warum die Regelblutung ausgeblieben war. Entweder war die Frau tatsächlich schwanger gewesen oder die Menstruation war halt einfach so mal später dran (jede Frau kennt das!). Das waren also Kräuter, die quasi als “Verspätungsmittel” eingesetzt wurden, und somit einen fließenden Übergang zwischen Periode- und Abtreibungsmittel darstellen.
Durch den frühchristlichen Kirchenlehrer Augustinus (354 - 430) wurde Abtreibung mit Mord gleichgesetzt. Im Mittelalter entstand dann eine lebhafte Diskussion, ab wann das Ungeborene “beseelt” sei (Mädchen und Buben wurden unterschiedlich bewertet: Mädchen galten bis zum 80.Tag, Buben bis zum 40.Tag der Schwangerschaft als “unbeseelt”). Eine schwangere Frau galt nur dann als eine “Mörderin”, wenn sie nach diesen Terminen abtrieb (wobei auch unterschieden wurde, ob die Frau aus Armut und Not oder wegen “Unzucht” abgetrieben hatte). Die mittelalterlichen Gesetze bestraften also nur jene Frauen, die bei einer ausbleibenden Menstruation nicht zeitgerecht handelten.
Die Angst vor dem Ausbleiben der Menstruation dürfte also nicht so groß gewesen sein, da Frauen die wirksamen Kräuter, die die Periode auslösen, kannten. Frauen mussten also nicht voller Angst darauf warten, ob die Regel nun kam oder nicht, sondern nahmen ein wirksames Kraut, das die Monatsblutung auslöste (eben ein sogenannntes Periodenmittel).
Im Vergleich zum Mittelalter sind wir Frauen heute viel machtloser. Zum Vergleich: Heute ist Abtreibung ein medizinisch-technisch-rechtlicher Vorgang, bei dem viel Zeit vergeht. Zuerst mal bleibt die Menstruation aus, frau wird unruhig, dann folgt ein Schwangerschaftstest, dann muss frau mit dem Ergebnis selbigens zurechtkommen und das verarbeiten, dann eine Entscheidung treffen, weiters eine Ärztin oder einen Arzt finden, die/der eine Abtreibung durchführt (auch in Österreich heute noch kein einfaches Unterfangen, wenn frau nicht im “richtigen” Bundesland wohnt), die Kosten dafür auftreiben, und zuletzt erfolgt dann der chirurgische Eingriff. Und das alles muss sich dann auch noch innerhalb der gesetzlich erlaubten 12 Schwangerschaftswochen ausgehen. In Österreich ist Abtreibung übrigens erst seit 1975 straffrei (die sogenannte Fristenlösung).
Je mehr die Abtreibung zu Beginn der Neuzeit mit “Unzucht” in Verbindung gesetzt wurde, um so mehr wurden die wirksamen Kräuter und die Frauen, die diese verwendeten, in Misskredit gebracht. In der Neuzeit (die Zeit der sogenannten Hexenverfolgungen) wurde solch ein Wissen nicht mehr toleriert beziehungsweise in den Kräuterbüchern aus dieser Zeit schlichtweg verschwiegen. Wichtige Bereiche des antiken Kräuterwissens wurden geleugnet: Bauhin, ein Arzt dieser Zeit, gibt unter dem Stichwort “lebendige Frucht abtreiben” nur mehr ein einziges Kraut an (Beifuß). Und als Mittel, um Unfruchtbarkeit zu erzeugen, fällt ihm auch nur mehr ein einziges ein (Waldrebe). Zum Vergleich, wieviel Dioscorides nannte, bitte nochmal weiter oben nachlesen ...
Zurück zu Birgit Seyrs Buch: Über abortiv wirkende Pflanzen darf uns Birgit Seyr also leider nichts erzählen - dafür versorgt sie uns aber mit ausführlichen Portraits über sowohl exotische Pflanzen ferner Länder, als auch hierzulande wohlbekannte Pflanzen, die zur Verhütung eingesetzt werden und wurden, wie zum Beispiel Wegwarte, Wilde Karotte, Hibiskus, Steinsame und Ackerminze: All diese Pflanzen sind bei uns heimisch.
Wegwarte (Cichorium intybus)
 Ältere Frauen erinnern sich noch an die Verwendung der gerösteten Wurzel als Kaffee-Ersatz (im Krieg und in anderen Zeiten der Not). Doch die Wegwarte hat noch mehr zu bieten: So dürften die Samen der Wegwarte einer Einnistung des Eies in der Gebärmutter entgegenwirken; dies sollte jedoch noch mit anderen Pflanzen kombiniert werden, um die Wirksamkeit zu erhöhen. Die wunderschön leuchtend blau blühende Blume wird ihrem Namen übrigens gerecht, denn sie wartet tatsächlich am Weg(rand) auf uns und darauf, dass wir sie wiederentdecken!
Hibiscus rosa-sinensis
 Der meist rot blühende Hibiscus, ursprünglich aus Südostasien, fühlt sich auch in heimischen Wohnzimmern (und sommers in unseren Gärten) wohl. Hibiscus hemmt sehr effektiv die Einnistung des Eies und kann noch mehr: Sowohl Blüten als auch Blätter können verwendet werden, um endgültige Sterilität zu bewirken. In einer klinischen Studie mit mehr als tausend Frauen wurde für das ayurvedische Rezept Vidangadi Yoga (Zubereitung & Dosierung sind im Buch nachzulesen!) eine Wirksamkeit in 98 (!!)% der Fälle bestätigt. Bevor ihr aber eure Hibis zuhause oder im Garten plündert, vergewissert euch, dass es sich auch wirklich um Hibiscus rosa-sinensis handelt - und nicht um den winterharten, lilablühenden, bei uns ebenfalls sehr verbreiteten Hibiscus syriacus. Der ist nämlich als Verhütungsmittel völlig wirkungslos...
Wilde Karotte (Daucus carota)
 Die Wilde Karotte ist eine unserer Vorläuferinnen unserer Gartenkarotte. Im ersten Jahr bildet sie die Blattrosette und Wurzeln (diese sind übrigens weiß und nicht orange!), im zweiten Jahr blüht sie und bildet Samen, die in einem “Nest” weißer Dolden sitzen. Achtung, für Unkundige besteht Verwechslungsgefahr mit anderen Doldenblütlerinnen, welche hochgiftig sind und tödlich sein können (Hundspetersilie, Schierling u.a.). Die reifen Samen der Wilden Karotte werden geerntet, getrocknet, zerstoßen (oder gemahlen) und in entweder kaltem Wasser oder heiß überbrüht eingenommen oder auch gekaut & geschluckt (genaue Angaben zu Dosierung und Anwendung finden sich im Buch). Die Hauptwirkung der Wilden Karotte besteht darin, dass sie die Einnistung eines befruchteten Eies verhindert. Klinische Studien darüber gibt es nicht, jedoch Erfahrungsberichte von nordamerikanischen Frauengruppen, die von einer hohen Zuverlässigkeit bei richtiger Anwendung erzählen.
Interessant wäre zu wissen, ob unsere Großmütter, Urgroßmütter und deren Vorfahrinnen über Anwendung und Wirkung der Samen der Wilden Karotte Bescheid wussten und diese auch zur Empfängnisverhütung einsetzten. Meine Omas kann ich leider nicht mehr fragen (sind beide schon lange verstorben), doch gut vorstellbar ist das auf jeden Fall: schließlich ist die wilde Verwandte unserer zahmen Gartenkarotte hierzulande überall zu finden (auch in der Stadt!).
So, nun sei genug verraten - lest selbst nach, was Pflanzen wie Ackerminze, Steinsame, Kurkuma, Niem, Yams & Co verhütungstechnisch gesehen so alles können und wie Frauen auf der ganzen Welt sie diesbezüglich einsetz(t)en.
 Birgit Seyr Mit Pflanzen verhüten Über die Wiederentdeckung einer alten Tradition der selbstbestimmten Geburtenregelung
Pflanzenwerkstatt, 2010 104 Seiten, broschiert € 14,70 / sFr 20,80 ISBN: 978-3-200-01732-0
Buch bestellen (direkt bei der Autorin)
ÜBER DIE AUTORIN:
Mag.a Birgit Seyr ist Mutter von einer Tochter, Diplomchemikerin und landwirtschaftliche Facharbeiterin. Sie beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Heilpflanzen, Verhütungspflanzen, Färbepflanzen, Labpflanzen, Schamanischen Pflanzen und anderen interessanten Nutzpflanzen. www.pflanzenwerkstatt.at
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