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FEMINISTISCHE STANDORTBESTIMMUNGEN IN DEN WIRREN NEOLIBERALER GENDER-POLITIKEN© Christine M. Klapeer (04.06.10)
Der Sammelband “Feminismus: Kritik und Intervention”
Als spannendes Kaleidoskop feministischer Herrschaftskritik präsentiert sich der neue Sammelband “Feminismus: Kritik und Intervention” und lädt zu einer Auseinandersetzung mit der Komplexität feministischer Standpunkte ein.
n Zeiten zunehmender anti-feministischer Ressentiments, neuer pseudofeministischer Formen eines alten 'Weiblichkeitswahnes' und der Reduktion von Feminismus auf eine (heterosexuelle) Powerfrauen- und Karriereanleitung präsentiert sich der von Ingrid Kurz-Scherf, Julia Lepperhoff und Alexandra Scheele herausgegebene Sammelband “Feminismus: Kritik und Intervention” als eine kleine feministische Wegweiserin durch die Wirren neoliberaler Gender-Politiken in der (alten) androzentrisch-rassistischen Welt.
21 AutorInnen, darunter bekannte feministische ForscherInnen, wie Uta Ruppert, Birgit Sauer, Birgit Rommelsbacher, Renate Niekant, María do Mar Castro Varela (u.a.), nehmen in dem Sammelband eine politische wie theoretische Standortbestimmung vor und fragen was feministische Gesellschaftstheorie, -kritik und -politik bereits geleistet hat und angesichts der historischen Komplexität und Multidimensionalität von (globaler) Geschlechter-/Ungleichheit noch leisten kann.
Besonders hervorzuheben ist in diesem Kontext die sorgfältige historisch-rekonstruktive bzw. bewegungsgeschichtliche Herangehensweise, die zahlreiche AutorInnen für ihre Beiträge gewählt haben. Auf diese Weise wird nicht nur der Gewachsenheit und permanenten (auch sehr konflikthaften) Weiterentwicklung feministischer Theorien und Praktiken Rechnung getragen, sondern derartig werden auch die Widersprüchlichkeiten sowie die eigenen "Blindstellen" feministischer Auseinandersetzung sichtbar gemacht.
Komplexe Verhältnisse - komplexe feministische Analyseinstrumente!?
Die Politikwissenschafterin Ingrid Kurz-Scherf beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit dem aus der Mode gekommen Patriarchatsbegriff und zeigt gerade in der Skizzierung der Vielfältigkeit feministischer Patriarchatsansätze, welche Potenziale einige(!) dieser Stränge trotz problematischer Implikationen noch entfalten (können). Viele dieser 'problematischen Implikationen' feministischer Ansätzen hingen und hängen eng mit der universalisierten Annahme von dem (feministischen) 'Subjekt Frau' als weiß, westlich und heterosexuell zusammen, Ausblendungen, die historisch und aktuell vor allem von Schwarzen, migrantischen, postkolonialen, lesbischen und queeren FeministInnen kritisiert wurden/werden.
Während die Soziologin Julia Roßhart die Produktivität von den in feministischen Kontexten zum Teil immer noch 'verworfenen' queeren Theoretisierungen von Heteronormativität und damit der Verschränkung von Geschlecht, Sexualität und Begehren aufzeigt, verweisen María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan im Rahmen ihres Beitrages “Gendering Post/Kolonialismus, Decolonising Gender” auf die Inderdependenz von Gender, Sexualität, "Rasse" und Klasse mit kolonialen, neokolonialen und anti-kolonialen Diskursen und Praktiken.
Die Wechselwirkung von Kategorien der sozialen Schließung zeigt auch die Psychologin Birgit Rommelsbacher in ihrem Beitrag zum Begriff der “Intersektionalität” auf, worin sie unterschiedliche Konzepte von Intersektionalität kritisch diskutiert und historisch situiert. Die Verschränkung und Multidimensionalität von Herrschaftsverhältnissen ist ebenfalls die argumentative Grundlage des Beitrages der Politikwissenschafterin Birgit Sauer zu “Migration, Geschlecht und die Politik der Zugehörigkeit”. Sie untersucht darin die Instrumentalisierung von 'Geschlechterfragen' für restriktive und rassistische (Migrations-)Politiken und macht die Verschränkung von Migrations-, Integrations- und Geschlechterpolitiken deutlich. Einwanderungspolitik ist und war nach Birgit Sauer daher immer schon vergeschlechtlicht, sowohl was die diskursiven Bilder und rhetorischen Legitimationslogiken also auch die konkreten sozio-ökonomischen (z.B. 'ethnifizierter' Billiglohnsektor im haushaltsnahen Dienstleistungsbereich) und staatsbürgerlichen Praxen (z.B. restriktiver Zugang zu Staatsbürgerschaft und politischen Rechten) betraf/betrifft.
Die (feministische) Arbeit ist nicht zu Ende
Alexandra Scheele, Alexandra Wagner/Franziska Wiethold und Diana Auth beschäftigen sich in ihren Beiträgen mit der bereits von Birgit Sauer konstatierten neoliberalen Veränderung des Arbeitsmarktes und diskutieren dabei deren geschlechtsspezifische Auswirkungen mit Blick auf unterschiedliche Dimensionen dieser Veränderung. So beschäftigt sich die Sozialwissenschafterin Alexandra Scheele mit Fragen (androzentrischer) Arbeits/bewertungs/normen und plädiert in diesem Kontext für eine radikale Neuverteilung (von bezahlter und unbezahlter Arbeit) sowie einer Neugestaltung (z.B. Arbeitszeitverkürzungen) und Neubewertung von Erwerbsarbeit. Für Alexandra Scheele ist ebenso wie für die Politikwissenschaftern Diana Auth in ihrem Beitrag “Das Private neu denken” die soziale Neuorganisation von Fürsorgearbeit eine zentrale feministische Forderung.
Wie eng Arbeits/bewertungs/normen, Fragen von Fürsorgearbeit entlang der Dichotomie Privat/Politisch und neue/alte (institutionalisierte) Geschlechternormen auch im Rahmen neoliberaler Arbeitsverhältnisse (wieder) verwoben werden, zeigen Alexandra Wagner und Franziska Wiethold in ihrem Beitrag zum Verhältnis von prekärer Beschäftigung und Geschlecht. Darin werden aktuelle Entwicklungen am Arbeitsmarkt, wie unter anderem die zunehmende Teilzeit-Beschäftigung von Frauen in einen größeren strukturellen Zusammenhang bundesdeutscher Familien- und Sozialpolitik gestellt.
Insofern sind hier auch die Fragen, die sich die Politikwissenschafterinnen Clarissa Rudolph und Julia Lepperhoff in ihren Beiträgen stellen, immer noch von zentraler Bedeutung, nämlich, welche Rolle institutionalisierte Frauen-, Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitiken angesichts dieser neoliberalen Fortschreibung patriarchaler Geschlechterverhältnisse (noch) leisten können beziehungsweise bereits geleistet haben. Ist ein gesellschaftlicher Wandel durch Institutionen möglich und aus feministischer Perspektive wünschenswert? Julia Lepperhoff diskutiert in ihrem Beitrag sehr kritisch das Potenzial staatlich institutionalisierter Antidiskriminierungsregelungen und verweist dabei auf den z.T. individualisierenden und marktorientierten Gestus dieser Maßnahmen. Insofern brauche es, wie die Politikwissenschafterin Anja Lieb in ihrem Beitrag darlegt, eine “Demokratisierung der Demokratie”, in der es um eine Auseinandersetzung und einer Demokratisierung von Herrschaftsverhältnissen gehen müsse, wofür jedoch eindimensionale Lösungen, wie Gleichstellungs- oder Antidiskriminierungspolitiken nicht ausreichen.
Angesichts aktueller Entwicklungen, sei es der Verschärfung von Ungleichheit global, oder zwischen StaatsbürgerInnen und Nicht-StaatsbürgerInnen, zwischen Männern und Frauen (etc.), zeigt sich wiederum die Notwendigkeit differenzierter feministischer Denk/Bewegungen, die nicht vor Konfrontation und Konflikt zurückschrecken. Insofern können die Beiträge von Renate Niekant zu Frauenbewegungen in Deutschland, von Tina Jung zur Frage “Wozu noch oder wieder 'feministische Wissenschaft”, von Patrick Ehnis/Sabine Beckmann zum kritischen Potenzial der Männlichkeitsforschung sowie das Plädoyer von Utta Ruppert für einen transnationalen Feminismus, der sich für globale Gerechtigkeit einsetzt, in diese Richtung gelesen werden.
 Ingrid Kurz-Scherf - Julia Lepperhoff - Alexandra Scheele (Hginnen.) Feminismus: Kritik und Intervention Arbeit - Demokratie - Geschlecht Band 11
Verlag Westfälisches Dampfboot, 2009 299 Seiten, broschiert €D 29,90 / €A 30,80 / sFr 52,00 ISBN: 978-3-89691-777-5
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